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Landschaftsfotografie vs. Spot-Fotografie

Autorenbild: Oliver Wehrli
Oliver Wehrli
11. Sept.
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 26. Sept.



Wann wird der Ort vom Ausgangspunkt einer Fotografie zu ihrem eigentlichen Inhalt?


Wer sich mit Landschaftsfotografie beschäftigt, begegnet ihnen früher oder später: Orten, die längst Teil eines kollektiven fotografischen Gedächtnisses geworden sind. Bestimmte Berge, Küsten, Wasserfälle, Seen oder einzelne Bäume werden immer wieder fotografiert. Ihre Bilder begegnen uns auf Social Media, auf Fotoplattformen, Büchern Kalendern und Magazinen.


Daran ist zunächst nichts falsch. Manche Orte besitzen eine aussergewöhnliche landschaftliche Qualität und ziehen Menschen vor allem deswegen an. Manche Orte entwickelten sich durch die Bilder anderer Fotografen überhaupt erst zu bekannten Fotospots.


Trotzdem beschäftigt mich eine Frage: Was geschieht mit unserem eigenen Blick, wenn wir einen Ort bereits durch die Bilder anderer kennen?



Wenn der Ort das Bild bereits mitbringt


Man könnte einen Teil dessen, was heute als Landschaftsfotografie bezeichnet wird, passender als „Spot-Fotografie“ bezeichnen.


Damit ist nicht nur das Fotografieren von bekannten Orten gemeint. Auch ein oft fotografierter Ort kann der Ausgangspunkt für eine eigenständige Arbeit sein. Für mich ist vielmehr entscheidend, mit welcher Erwartung wir diesem Ort begegnen.


Bei manchen Fotospots scheint das Bild bereits zu existieren, bevor der Fotograf überhaupt angekommen ist. Der Standpunkt ist bekannt, die Perspektive erprobt, die passende Brennweite ungefähr klar. Es ist längst bekannt und man weiss, wann die Sonne an der richtigen Stelle steht und welche Wetterbedingungen besonders wirkungsvoll erscheinen.


Damit wird unmerklich auch der Raum für eine eigene fotografische Interpretation eng. Der eigene Blick beginnt sich an dem zu orientieren, was dort bereits fotografisch gefunden wurde.

Der Ort wird somit zu einem fotografischen Versprechen.


Aber wessen Bild entsteht dort eigentlich?



Zwischen Inspiration und Wiederholung


Fotografie entsteht nie vollkommen unbeeinflusst. Wir tragen Bilder mit uns, bewusst oder unbewusst. Was wir gesehen haben, prägt auch das, was wir selbst wahrnehmen.

Bei bekannten Fotospots wird diese Beeinflussung besonders sichtbar. Wer einen Ort bereits aus unzähligen Fotografien kennt, begegnet ihm kaum noch ohne Vorstellung davon, wie er fotografisch aussehen könnte.


Vielleicht beginnt die eigentliche Herausforderung deshalb nicht erst mit der Kamera, sondern bereits davor: Kann ich einen bekannten Ort noch unabhängig von den Bildern betrachten, die ich von ihm kenne?


Ein guter Bildaufbau, das richtige Licht und eine sorgfältige technische Umsetzung können ein überzeugendes Bild ergeben. Aber auch hier interessiert mich vielmehr die persönliche Interpretation.


Was hat der Fotograf selbst gesehen? Was hat er hinzugefügt, weggelassen oder anders wahrgenommen?


Denn Wiedererkennbarkeit ist nicht dasselbe wie Eigenständigkeit.



Die Jagd nach dem ikonischen Ort


Reisen zu bekannten und ansprechenden Landschaften gehören seit langem zur Landschaftsfotografie. Heute lässt sich jedoch innerhalb weniger Minuten herausfinden, wo ein bestimmtes Bild entstanden ist, von welchem Standpunkt aus fotografiert wurde und zu welcher Tages- oder Jahreszeit die Bedingungen besonders vielversprechend sind.


Aus der Suche nach Landschaft kann so die Suche nach fotografischen Spots werden.

Noch spektakulärere Berge. Noch abgelegenere Küsten. Noch ikonischere Ansichten.

Vielleicht entsteht dadurch ein ähnliches Phänomen wie bei der Jagd nach aussergewöhnlichem Licht: Der besondere Ort selbst wird dabei zum Qualitätsmerkmal des Bildes.



Die Landschaft wird zur fotografischen Destination.



Mich interessiert die Frage, ob ein Bild durch die Bekanntheit einer Landschaft gewinnt. Oder ob es auch dann bestehen würde, wenn niemand wüsste, wo es entstanden ist.



Wenn der Ort keinen Ruf hat


Besonders interessieren mich Landschaften, die keine fotografische Erwartung mitbringen. Ein Wald in der Umgebung. Eine unscheinbare Fläche. Ein Stück Wasser. Ein Ort, an dem vielleicht schon viele Menschen vorbeigegangen sind, ohne darin ein Bild zu sehen.


Solche Orte geben wenig oder gar nichts vor.

Es gibt keinen bekannten Standpunkt, den man aufsuchen kann. Keine ikonische Ansicht, die es zu interpretieren oder zu übertreffen gilt. Vielleicht liegt gerade darin eine besondere Freiheit.


Der Fotograf muss selbst entscheiden, was wichtig wird. Er muss beobachten, auswählen, reduzieren und interpretieren. Das Bild entsteht weniger aus der Bedeutung des Ortes als aus der eigenen Wahrnehmung.


An solchen Orten entwickelt sich der eigene Blick. Der Fotograf kann sich weniger auf die Wirkung des Ortes verlassen und muss stärker darauf vertrauen, was er selbst darin sieht. Der Ort wird dadurch weniger zum Hauptmotiv.


Die Suche nach einem eigenen Bild beginnt gerade dort, wo der Fotospot endet.



Was bleibt?


Ich habe selbst bekannte Landschaften und Orte fotografiert und werde dies vielleicht wieder tun. Dabei interessiert mich vielmehr, was ich dort selbst entdecken und interpretieren kann und was ein solcher Ort für meine eigene fotografische Auseinandersetzung bietet. Die Frage lautet für mich deshalb nicht, ob man bekannte Orte fotografieren sollte oder nicht.


Entscheidend ist vielmehr, was wir dort suchen.

Geht es darum, ein Bild zu besitzen, das wir in ähnlicher Form bereits kennen? Um den Nachweis, selbst an diesem Ort gewesen zu sein? Oder gelingt es, sich von der vorhandenen Bildvorstellung zu lösen und eine eigene Beziehung zum Ort aufzubauen?


Ein unbekannter Ort führt nicht automatisch zu einem eigenständigen Bild. Ebenso wenig muss eine Fotografie eines berühmten Ortes austauschbar sein. Eigenständigkeit entsteht nicht automatisch durch die Abwesenheit eines Fotospots, sondern durch die Art des Sehens.


Was für mich hingegen klar ist: Wer an bekannten Orten vor allem bereits vorhandenen Bildern folgt, wird die eigene fotografische Identität und Kreativität kaum weiterentwickeln.


Vielleicht ist das für mich deshalb eine der interessantesten Fragen an ein Landschaftsbild:


Würde mich dieses Bild auch interessieren, wenn ich nicht weiss, wo es aufgenommen wurde?




Fortsetzung

Im nächsten Beitrag geht es um eine weitere Erscheinung, die unsere Wahrnehmung von Landschaft prägt: die Jahreszeit selbst. Landschaftsfotografie vs. Jahreszeiten-Fotografie


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2 Kommentare


Sandro
12. Sept.

Ich habe deinen Essay mit Genuss gelesen und ja, es geht mir genau gleich. Besonders schön finde ich diese Aussage " Die Suche nach einem eigenen Bild beginnt gerade dort, wo der Fotospot endet." Freue mich auf die nächste Ausgabe lg Sandro

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Oliver Wehrli
Oliver Wehrli
16. Sept.
Antwort an

Das freut mich zu hören, lieber Sandro. 😊

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