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Landschaftsfotografie vs. Meteo-Fotografie

Autorenbild: Oliver Wehrli
Oliver Wehrli
16. Aug.
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 5 Tagen

KI-generierte Illustration einer Berglandschaft mit Gewitter, Regen, Sonnenstrahlen und Regenbogen als überspitzte Darstellung von Wetterfotografie.


Wann wird das Wetter vom Bestandteil eines Landschaftsbildes zu dessen eigentlichem Inhalt?


Ich betrachte und bewege mich seit vielen Jahren im Bereich der Landschaftsfotografie. Dabei fällt mir auf, wie stark sich ein Teil dieser Fotografie über besondere Wetter- und Lichtstimmungen definiert.


Die Wolken sollen eindrucksvoll wirken. Kurz vor Sonnenuntergang wächst die Erwartung eines farbenfrohen Himmels. Sonnenstrahlen dringen durch die Wolken, ein Gewitter naht oder die Landschaft ist in ein aussergewöhnliches Licht getaucht.


Solche Momente können natürlich faszinierend sein. Das Wetter ist selbstverständlich immer ein Teil der Landschaft.


Trotzdem beschäftigt mich eine Frage: Wann wird das Wetter vom Bestandteil eines Landschaftsbildes zu dessen eigentlichem Inhalt?



Wenn das Ereignis wichtiger wird als die Landschaft


Vielleicht müsste man einen Teil dessen, was heute als Landschaftsfotografie bezeichnet wird, treffender "Meteo-Fotografie" nennen.

Das ist zunächst gar nicht abwertend gemeint. Ein aussergewöhnliches Wetterphänomen zu fotografieren, verlangt unter anderem Erfahrung und Planung. Und es können dabei schöne Bilder entstehen


Mich interessiert jedoch etwas anderes.

Wenn die Wirkung eines Bildes hauptsächlich davon lebt, dass der Himmel spektakulär leuchtet, durchflutete Nebelschwaden durch ein Tal ziehen oder ein Gewitter für Dramatik sorgt, frage ich mich, was übrig bleibt, wenn man dieses Ereignis gedanklich entfernt.


Ist die Landschaft selbst noch interessant?

Oder war sie lediglich die Bühne für einen besonderen meteorologischen Moment?



Atmosphäre ist nicht dasselbe wie Spektakel


Das mag zunächst widersprüchlich erscheinen, denn auch meine eigene Fotografie beschäftigt sich mit Atmosphäre und Wetter. Ich fotografiere im Nebel, bei diffusem Licht und unter Bedingungen, welche die Wahrnehmung einer Landschaft verändern.


Für mich liegt genau darin aber ein entscheidender Unterschied.


Nebel interessiert mich nicht deshalb, weil Nebel spektakulär ist. Er kann vielmehr Klarheit zurücknehmen, Distanzen verändern, Dinge verschwinden lassen und unsere Wahrnehmung eines vertrauten Ortes verschieben.


Das Wetter wird damit nicht zum Motiv, sondern zu einem bildnerischen Mittel.


Wann wird aus Landschaft Wetter?

Vielleicht lässt sich der Unterschied genau dort finden: Dient eine besondere Wetterstimmung dem Bild – oder dient das Bild der besonderen Wetterstimmung?



Die Jagd nach dem besonderen Moment


Mithilfe von Wettermodellen, Apps und präzisen Vorhersagen können Fotografen gezielt nach speziellen Bedingungen suchen. Gleichzeitig werden täglich unzählige Landschaftsbilder produziert, die kaum noch zu unterscheiden sind.


Vielleicht führt gerade die Jagd nach dem besonderen Licht dazu, dass das Aussergewöhnliche für viele Landschaftsfotografen immer wichtiger wird. Es scheint manchmal fast zum letzten Unterscheidungsmerkmal geworden zu sein. Die Krönung einer Lichtjagd.


Noch dramatischeres Licht. Noch intensivere Farben. Noch spektakulärere Bedingungen.


Das kann auf den ersten Blick beeindruckend wirken. Aber beeindruckend und berührend sind für mich nicht zwingend dasselbe. Ebenso wenig bedeutet visuelle Wirkung automatisch inhaltliche Tiefe. Komposition und Bildaufbau bleiben dabei selbstverständlich entscheidend. Doch ebenso wichtig ist für mich die Interpretation und die Frage, was ein Bild überhaupt vermitteln möchte.


Vielleicht liegt genau dort der Unterschied zwischen dem Festhalten eines besonderen Moments und einer fotografischen Auseinandersetzung mit dem, was vor der Kamera liegt.


Mich interessieren gerade jene Landschaften, an denen zunächst wenig geschieht, oder solche, die unaufgeregter erscheinen. Ein Wald, eine unscheinbare Fläche, Wasser, ein vertrauter Ort. Bilder, deren Qualität nicht davon abhängt, dass die Natur für wenige Minuten ein Spektakel veranstaltet.



Was bleibt?


Seit einigen Jahren nehme ich mich nicht mehr ausschliesslich als klassischen Landschaftsfotografen wahr. Diese Bezeichnung ist mir inzwischen zu eng gefasst. Mein Blick auf Landschaft und meine Wahrnehmung von Fotografie haben sich zunehmend verändert.


Früher war für mich der besondere Moment manchmal auch wichtiger. Eine bestimmte Stimmung, die Landschaft im vermeintlich richtigen Augenblick. Heute interessieren mich unscheinbare Orte und das, was sich erst mit der Dauer des Sehens zeigt.


Meine Motive liegen weiterhin überwiegend in der Natur. Aber die Landschaft selbst ist für mich nicht mehr unbedingt das eigentliche Thema. Mich interessiert, was durch das längere Betrachten entsteht: Wahrnehmung, Atmosphäre, Nähe und Erinnerung und vielleicht etwas, das sich vom konkreten Moment löst.


Vielleicht hat sich damit auch mein Verständnis von Landschaftsfotografie verändert. Weniger die Suche nach dem aussergewöhnlichen Ereignis, mehr die Auseinandersetzung mit dem, was bereits da ist.


Dafür kann aussergewöhnliches Wetter hilfreich sein. Es muss aber nicht stattfinden.


Inzwischen ist das eine der interessantesten Fragen an ein Landschaftsbild: Würde mich dieses Bild auch interessieren, wenn an diesem Tag meteorologisch überhaupt nichts Besonderes passiert wäre?




Fortsetzung

Im nächsten Beitrag geht es um eine andere Frage der Landschaftsfotografie: den Ort selbst. Landschaftsfotografie vs. Spot-Fotografie.




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2 Kommentare


Sandro
05. Sept.

Exzellente Betrachtung Oliver, welche ich absolut teile 👏

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Oliver Wehrli
Oliver Wehrli
06. Sept.
Antwort an

Herzlichen Dank lieber Sandro 😀

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